Bericht in der Aachener Zeitung vom 5.9.2002
Von Albrecht Peltzer
Kühler Start beim heißen Auftakt
Aachen. Es sollte der Start für die heiße Phase werden, doch auf Temperaturen kam am Abend in der Aula
Carolina niemand. Im Gegenteil. Lange Gesichter allerorten, ungläubiges Kopfschütteln bestimmten die
Szenerie. Die Initiatoren des Bürgerentscheids gegen den von der CDU/FDP-Ratsmehrheit beschlossenen Verkauf
der städtischen Anteile an der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft (GeWoGe) und eines Teils der städtischen
Wohnungen waren sichtlich enttäuscht.
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© Foto: Aachener Zeitung
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Nur rund 150 Interessierte hatten sich zur Pontstraße aufgemacht, um sich auf den Bürgerentscheid am
Sonntag, 15. September, einstimmen zu lassen. Statt vollem Saal gab es leere Stuhlreihen...
«Eigentlich Unverständlich», kommentierte Regionaldekan Hans-Georg Schornstein, der mit dem Aktionsbündnis
der Kirchen einer der Hauptakteure des Bürgerbegehrens ist. «Ich hatte schon mit weitaus größerem
Zuspruch gerechnet.»
Ein Omen für die Abstimmung in zehn Tagen? «Nein», wehrte Schornstein ab, «sicher nicht,
aber dennoch...»
Astrid Ströbele, Vorsitzende des Mieterschutzbundes, der das Bürgerbegehren federführend ins Leben
gerufen hat, drehte die betrübliche Sachlage ins Positive: «Ich werte den doch schwachen Besuch so,
dass wir bisher so umfangreich informiert haben, dass viele auf weitere Veranstaltungen verzichten können
und sich bereits für unser Anliegen entschieden haben.»
Prominenz in Sachen Bürgerentscheid hatten die Akteure eingeladen. Dr. Andreas Paust (Wuppertal) vom Verein
«Mehr Demokratie» bemühte sich sichtlich, trotz des mageren Besuches keine Katerstimmung aufkommen
zu lasen.
Was die Initiatoren bis jetzt schon an Mobilisierung erreicht hätten, verdiene höchstes Lob. Das Thema
sei in aller Munde, es werde diskutiert, sehr viele Menschen hätten sich auf diese Weise aktiv in die Politik
eingeschaltet.
Auch wenn die benötigten 35 000 Ja-Stimmen (20 Prozent aller Wahlberechtigten) eine hohe Hürde seien,
auch wenn die Bedingungen in Aachen durch fehlende Wahlbenachrichtigungen und das Verbot der Briefwahl («ein
massiver Angriff auf demokratische Rechte») schwierig seien, ständen die Chancen offensichtlich sehr
gut.
Und Paust betonte, dass auch ein Scheitern des Vorhabens kein ausschließlich negatives Ergebnis wäre:
«Jeder Bürgerentscheid ist ein Gewinn für aktive kommunale Demokratie.» Er appellierte daran,
dass Gegner und Befürworter an der Diskussion und an der Abstimmung teilnehmen.
«Jeder soll für seine Position werben, das beflügelt das politische Klima in Ihrer Stadt»,
sagte Paust - und erntete damit ungeteilten Beifall.
Der DGB unterstützt mit seinen Mitgliedsgewerkschaften den Bürgerentscheid gegen den Verkauf der GeWoGe.
Vorsitzender Heinz Kaulen betonte, dass der Erhalt der jetzigen Strukturen «für die Entwicklung eines
solidarischen Gemeinwesens unverzichtbar» sei. Öffentlich organisierte Wohnungswirtschaft sichere «einigermaßen
akzeptable Mietbedingungen». Sozialbindung des Wohnraums bedeute auch ein Stück soziale Gerechtigkeit,
so Kaulen.
Nur kurzfristig würde der Verkauf der GeWoGe den Haushalt entlasten, demgegenüber ständen «mit
Sicherheit steigende Mieten», die öffentliche Hand verliere auf Dauer ein wichtiges sozialpolitisches
Regulativ.
Pikanterie am Rande: IG Metall-Chef Franz-Peter Beckers, einer der drei Sprecher des Bürgerbegehrens, erhielt
Post von der IHK mit der Bitte, einen Aufruf für den GeWoGe-Verkauf zu unterstützen. Beckers: «Natürlich
reagiere ich darauf, aber anders, als die IHK es sich wünscht.»